Vor zehn Jahren war die E-Zigarette hierzulande ein Randprodukt. Ein Gadget für Bastler, ein Werkzeug für Umsteiger, ein Nischenprodukt in ein paar spezialisierten Geschäften. Heute gehört das Dampfen zum alltäglichen Straßenbild deutscher Städte. In Fußgängerzonen, an Bahnhöfen, in Kneipenraucherbereichen, auf Festivals steigen Dampfwolken auf. Die kulturelle Wende ist spürbar, messbar und wirft viele Fragen auf, die über den reinen Konsum hinausgehen.
Von Werkzeug zu Warenkorb
Die frühe deutsche Vaping-Szene war eine Ansammlung von Communities in Foren, Selbstentwicklern und Nutzern, die mit Ohm-Rechnern und Akkuträgern hantierten. Individualisierung war das Ziel. Wer damals dampfte, tat es meist mit Bedacht und war nicht selten vom klassischen Tabakprodukt umgestiegen. Mit der Marktreife geschlossener Pod-Systeme und dann auch Einweg-Modelle verschob sich die Szenerie deutlich. Marken wie randm vape sind Beispielgebend für die neue Produktgeneration, die den Zugang zum Dampfen stark vereinfacht hat. Kein Nachfüllen, keine Wartung, keine technische Vorkenntnis. Gerade diese Einfachheit hat jedoch auch den Nutzerkreis über die traditionelle Umsteigerklientel hinaus erweitert und zur Verbreitung in den Massenmarkt geführt.
Der Umsatzzuwachs belegt es eindrucksvoll. Laut Verband des E-Zigarettenhandels betrug der Umsatz mit E-Zigaretten in Deutschland 2018 rund 550 Millionen Euro, 2023 wurde ein Rekordwert von etwa 800 Millionen Euro erwartet. Der Bruch mit der sich zuvor stagnierend entwickelnden Marktentwicklung fiel zeitlich genau mit dem Kommen der Einweggeräte zusammen.
Was die Zahlen über die Nutzenden verraten
Zur Zahl der Nutzenden existiert keine offizielle Statistik, aber mehrere seriöse Erhebungen liefern brauchbare Größenordnungen. Zwischen 2016 und 2023 circa 92.000 Personen im Alter von 14 bis 99 Jahren befragt hat, beträgt die aktuelle Nutzungsquote für 2024 etwa 2,0 Prozent bei Personen ab 14 Jahren. Mit breiter gefassten Definitionen, die auch eine frühere Nutzung einbeziehen, gelangen wir auf Werte bis rund 4 Prozent. In absoluten Werten ist die Gruppe der Dampfenden je nach Berechnungsbasis mit etwa 2,4 bis 3,4 Millionen Menschen anzusetzen.
Bei den 14- bis 17-Jährigen liegen die Werte erheblich niedriger, als die öffentliche Debatte oft glauben macht. Die Werte für diese Altersgruppe lagen im Jahr 2024 bei 1,5 Prozent und im Jahr 2023 bei 2,3 Prozent. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ermittelte in einer getrennten Befragung für bestimmte Untergruppen erheblich höhere Quoten für den Griff zur Einweg-E-Zigarette, was den regulatorischen Druck zu erklären hilft. Zahlen zeigen also zwei Realitäten parallel. Der Anteil der Erwachsenen steigt nur moderat, der Jugendkonsum gerät in der öffentlichen Wahrnehmung aber überproportional in den Blick.
Rechtlicher Rahmen: TPD2, TabErzG und die neuen Grenzen
Das Dampfgeschehen findet seinen Alltag in einem dichten Regelwerk. Grundlage ist die europäische Tabakproduktrichtlinie TPD2, die national im Tabakerzeugnisgesetz (TabErzG) und der Tabakerzeugnisverordnung (TabErzV) umgesetzt ist. Für alle nikotinhaltigen E-Liquids gelten zwei Kerneckdaten: eine maximale Nikotinkonzentration von 20 mg/ml und ein Tankvolumen von nicht mehr als 2 Millilitern bei Einweggeräten, was rechnerisch ungefähr rund 600 Zügen entspricht. Produkte mit Zugzahlen wie 12.000 oder 15.000 Puffs sind dann in Deutschland nicht verkehrsfähig. Nachfüllflaschen dürfen maximal 10 Milliliter fassen.
Die Werbesituation wird sich ebenfalls ändern. Seit 2021 gilt praktisch ein Werbeverbot für E-Zigaretten und Liquids im Internet, das für nikotinhaltige und nikotinfreie Produkte gleichermaßen gilt. Ab 2024 wird die Werbung außerhalb der Verkaufsstelle weiter eingeschränkt. Auf europäischer Ebene wird die TPD3 vorbereitet, deren Evaluierungsbericht am 2. April 2026 vorgelegt wurde. In der Diskussion sind Aromenbeschränkungen, harmonisierte Besteuerung und ein EU-weites Verbot von Einweg-E-Zigaretten. Belgien hat ein solches Verbot bereits zum 1. Januar 2025 in Kraft gesetzt, Frankreich 2026. In Deutschland wird dessen Einführung im Rahmen der Novelle des Tabakerzeugnisgesetzes und des Einwegkunststofffondsgesetzes geprüft.
Kulturelle Codes und soziale Räume
Spannend ist auch der Wandel der sozialen Codes rund um das Dampfen. Während die klassische Zigarette in vielen urbanen Milieus längst verpönt ist, bewegt sich die E-Zigarette nach wie vor in einer Grauzone. Sofern sie denn nicht schwarz geraucht wird, gilt sie in vielen Innenräumen als geduldig, wo Tabakrauch längst zum Verboten gehört. Gastronomie-Betriebe handhaben das Thema unterschiedlich, weil das Bundesnichtraucherschutzgesetz E-Zigaretten nicht in gleichem Maße erfasst wie Tabakprodukte. Die Grauzone hat ihre eigenen Etikette entwickelt: diskretes Dampfen im Sitzen, kein Ausstoßen großer Wolken in Menschentrauben, Nachfragen am Nebentisch.
Die Zielgruppen sind auch vielfältiger geworden, im Kern sind es Berufstätige von 25 bis 45 Jahren, die die regelmäßigen Nutzenden stellen. Viele haben mit der Umgewöhnung als Konsumreduktion begonnen, sind bei einer Marke geblieben, die nächste Käufergeneration findet sich zumeist mit Einweggeräten ab und ist sehr geschmacksaffin. Tatsächlich zeigen die Marktbeobachtungen, dass fruchtige und süße Aromen den Hauptanteil haben, was wieder zu den politischen Diskussionen über Aromenverbote passt.
Ökologische Debatte und Marktausblick
Ein Thema, das die Dampferkultur zunehmend prägt, ist die Umweltdiskussion. Einweg-E-Zigaretten enthalten Lithium-Ionen-Akkus, Kunststoffteile und Elektronikbauteile. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass die unsachgemäße Entsorgung im Restmüll hier ein doppeltes Problem erzeugt. Einerseits gehen wertvolle Rohstoffe verloren, andererseits kann es in den Müllfahrzeugen und Sortieranlagen zu Brandgefahren kommen. Nach dem Elektro- und Elektronikgerätegesetz sind Einweg-Vapes im Handel, wenn dieser eine gewisse Verkaufsfläche überschreitet, kostenlos zurückzunehmen. In der Praxis geschieht das in der Regel nicht.
Wer die Entwicklung unbefangen betrachtet, sieht einen Übergangsmarkt. Die Einwegära könnte durch die anstehenden EU-Regulierungen stark verkürzt werden. Wiederbefüllbare Pod-Systeme, offene Setups und stärker regulierte Aromen werden die nächste Ära prägen. Ob Dampfen dabei wirkliche Alltagserscheinung bleibt oder in Teilen wieder zur Nische zurückgedrängt wird, liegt wesentlich daran, wie schnell und wie streng die deutsche Umsetzung der TPD3 kommt.

